Krankenkasse-Studie der GEK PDF Drucken E-Mail

Kaum eine gesundheitliche Störung im Kindes- und Jugendalter wird so kontrovers diskutiert wie das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS). Seriöse Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen 300 000 und 700 000 Kinder und Jugendliche zwischen drei und 17 Jahren davon betroffen sind, viermal mehr Jungen als Mädchen. Vor allem die Rolle der medikamentösen Behandlung mit Methylphenidat ist sehr umstritten.

Krankenkasse-Studie bestätigt Arzneizentriertheit der ADHS-Therapie
Von Elfi Schramm

Eine spezielle Arzneimittelanalyse der Gmünder Ersatzkasse (GEK) ergab eine steigende Zahl von Verordnungen mit diesem Medikament. Seit 1990 ist die Menge der verordneten Tagesdosis um das 150-fache angestiegen. Vermutet wird auch, dass das in den Behandlungsleitlinien vorgesehene multimodale Behandlungschema – es meint eine Therapie, die auf mehreren Säulen basiert – nur selten umgesetzt wird.

Eine leitliniengerechte Behandlung sieht nach Meinung der Experten, zu denen die Professorin Petra Kolip von der Universität Bremen gehört, sowohl eine sorgfältige Diagnostik als auch ein multimodales Behandlungskonzept vor. Dazu gehören Beratung und Aufklärung über die Störung sowie der Umgang mit der Krankheit bis hin zu verhaltenstherapeutischen Maßnahmen und schließlich die medikamentöse Therapie, die in der Regel erst das letzte Element der therapeutischen Kette sein sollte.

Vor diesem Hintergrund führte die Gmünder Ersatzkasse auch eine Befragung betroffener Eltern über deren Erfahrung mit Diagnostik und Therapie durch. 5018 GEK-versicherte Eltern mit einem Kind zwischen sechs und 18 Jahren, die im Vorjahr mindestens ein Rezept für ein ADHS-typisches Medikament in der Apotheke eingelöst hatten, erhielten den Fragebogen. Etwa die Hälfte beantwortete ihn. Betont werden muss, dass nach Angaben der Eltern ADHS vor allem im Kindergarten- und Schulalltag auftritt, weniger zu Hause und in der Freizeit.

Insgesamt steigt die Zahl der ärztlichen ADHS-Diagnosen signifikant an. Laut Schulbehörde werden Lehrer nur selten im Umgang mit solchen Kindern unterstützt. Eine Ausnahme bilden einige ostdeutsche Bundesländer, die umfassende Unterstützungskonzepte erarbeitet haben.

74 Prozent der Eltern gaben in der Untersuchung an, zu Fragen der Erziehung oder des eigenen Umgangs mit der Erkrankung beraten woren zu sein; nur 60 Prozent der Kinder selbst hatten dies erfahren.

Nach Angaben des größten Teils der Eltern zeigen Medikamente die beste Wirkung bei den Kindern, aber eben auch Nebenwirkungen wie Appetitlosigkeit, Schlafbeschwerden, erhöhten Blutdruck, Müdigkeit und Schwindel. Nur ein Fünftel der kleinen Patienten hat zu Beginn der medikamentösen Behandlung den empfohlenen wöchentlichen Arztkontakt, etwa die Hälfte sogar nur einmal monatlich oder noch seltener. Eine ergänzende Verhaltenstherapie, die oft hilfreich wäre, erlebten nur 27 Prozent der Kinder.

Das Fazit der Autorin dieser Untersuchung: »Viele Eltern fühlen sich allein gelassen und suchen jahrelang nach Hilfe. Wenn dann die Diagnose vorliegt, ist es nicht mit der Verordnung eines Medikaments getan«, stellt Petra Kolip abschließend fest. Mitautor und Arzneimittelexperte Gerd Glaeske bekräftigte den Befund und verwies auf eine GEK-Steigerungsrate von 31 Prozent der Verordnungen von Arzneimitteln mit den Wirkstoffen Methyphenidat oder Atomoxetin im Jahre 2006.

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